Fit für die Fünfte – trotz Lese-Rechtschreibschwäche
Welche weiterführende Schule ist die Richtige für mein Kind? Dieser wichtigen Frage müssen sich viele Eltern Mitte der vierten Klasse in der Grundschule stellen. Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Angst vor falschen Entscheidungen ist jedoch groß.
Ausschlaggebend für die Weiterempfehlung sind die Noten in den Fächern Deutsch und Mathematik. Was aber tun, wenn Ihr Kind unter einer Lese-Rechtschreibschwäche, LRS leidet und die Note gerade im Fach Deutsch sehr zu wünschen lässt. Einfach resignieren, obwohl es in allen anderen Fächern gute bis überdurchschnittlich gute Leistungen bringt? Ganz sicher nicht.
Sie müssen wissen. Eine Lese-Rechtschreibschwäche, auch Legasthenie genannt hat nichts mit mangelnder Intelligenz, Faulheit oder Dummheit zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Reifungsverzögerung. Denn die Voraussetzung für das optimale Funktionieren der Gedächtnisteile, die für die Lese-Rechtschreibfunktion zuständig sind, ist deren biologische Reife. Wenn dieser Teil des Gehirns noch nicht vollständig ausgereift ist, dann kommt es zu einer Teilleistungsstörung, in diesem Fall die Lese-Rechtschreibschwäche.
Wie kann sich eine Lese-Rechtschreibschwäche in der weiterführenden Schule bemerkbar machen?
1. Bei den Fremdsprachen
Kinder, die bereits in der Grundschule Probleme beim Lesen und Schreiben lernen hatten und diese nicht überwunden haben, werden aller Voraussicht nach auch Probleme bei den Fremdsprachen bekommen.
- Durch die Rechtschreibschwäche können die Diktate und Vokabeltests beeinträchtigt sein.
- Durch eine Leseschwäche treten oft Verständnisprobleme in der Grammatik und bei den Übersetzungen auf.
- Texte werden oft ungenau und mit Phantasiewörtern gelesen.
Aber auch Kinder, die erfolgreich ihre Probleme im Lesen und Schreiben lernen in der Grundschule überwunden haben, scheitern oft bei Einführung der ersten oder zweiten Fremdsprache erneut. Die neurobiologische Forschung bei der Legasthenie zeigt immer wieder, dass das Lese-Rechtschreibgedächtnis des Kindes die erhöhten Anforderungen der 1. oder 2. Fremdsprache scheinbar nicht bewältigen kann.
2. Textaufgaben – bei Leseschwäche ein echtes Problem
Kinder, die unter einer Leseschwäche leiden, haben fast immer Probleme bei den Textaufgaben. Sie können oft den Sinn der Aufgabe nicht verstehen, auch wenn sie ansonsten keine Schwierigkeiten im Rechnen haben.
3. Weitere Schulfächer
Die Anzahl der Fächer steigen, in denen gelesen und geschrieben werden muss. Plötzlich versagen Kinder, die vielleicht fachlich gut in Erdkunde oder Biologie sind, aber nicht schnell genug und richtig lesen und schreiben können.
4. Deutsch
Obwohl in der weiterführenden Schule zunehmend weniger Diktate geschrieben werden, kommt es dennoch zu keinen guten Deutschnoten.
Die Aufsätze von LRS-Kindern sind oft monoton und eher phantasielos geschrieben.
Phantasielos, weil diesen Kindern oft durch ihre Leseschwäche auch die Welt der Bücher verschlossen bleibt und monoton, weil sie zu sehr auf die richtige Schreibweise achten, anstatt sich auf das Thema des Aufsatzes einzulassen. Diese Aussichten hören sich nicht gut an. Aber der Zug ist dennoch noch nicht für Ihr Kind abgefahren.
Tipps, wie Sie Ihr Kind fit für die weiterführende Schule machen:
1. Üben Sie keine Diktate mehr auf herkömmliche Art und Weise, sondern lassen Sie Ihr Kind jeden Tag 20 Minuten am Computer oder einer Schreibmaschine einen Text abtippen. Wichtig ist: Es muss die einzelnen Buchstaben mit dem Zeigefinger seiner Schreibhand tippen. So werden die Buchstaben über alle Sinne, also Sehen, Hören und Tasten eingeprägt.
2. Machen Sie Buchstabenspiele mit ihm. Schreiben Sie sich zum Beispiel Buchstaben auf den Rücken und erraten Sie diese.
3. Auf langen Autofahrten eignet sich auch das alt bekannte Spiel, jedoch in etwas abgewandelter Form „Ich sehe was, was Du nicht siehst und das fängt mit B an.“
4. Versuchen Sie Ihrem Kind eine stressfreie Umgebung zu ermöglichen. Das bedeutet vor allem auch: Lassen Sie sich durch die Lese-Rechtschreibschwäche Ihres Kindes nicht stressen. Der Stress überträgt sich sofort auf das Kind.
5. Versuchen Sie auf eine spielerische Art und Weise mit der Lese-Rechtschreibschwäche umzugehen. Jeden Tag mit den Buchstaben spielen – diese Zeit sollte angenehm für Sie und Ihr Kind sein.
Lese- und Rechtschreibprobleme verschwinden nicht von heute auf morgen. Aber wenn Sie jetzt dranbleiben, dann werden sich die ersten deutlichen Fortschritte bald einstellen. Dranbleiben heißt aber auch konsequent bleiben. Also am besten täglich mit den Buchstaben spielen. Und denken Sie daran: Herkömmliche Übungen, wie Diktate schreiben oder Grammatikregeln pauken bringen Ihr Kind nicht weiter, wenn es unter einer Lese-Rechtschreibschwäche, Legasthenie leidet.
Diese Übungen befassen sich fast immer mit dem ganzen Wort, Teilwörtern oder Silben. Dies hat zur Folge, dass das Lese-Rechtschreibgedächtnis nicht die einzelnen Buchstaben erhält, die es für den Nachreifungsprozess so dringend benötigt. Am besten eignet sich dafür ein spielerisches Buchstabentraining. So bekommt Ihr Kind wieder Lust am Lernen und Sie bekommen zusammen die Lese-Rechtschreibschwäche in den Griff. Eine Lese-Rechtschreibschwäche bedeutet durchaus nicht das Ende einer erfolgreichen Schulkarriere. Auch nicht für Ihr Kind.
Joe Kennedy, Leiter des Tuttlinger Instituts „Kreatives Lernen“ ist Lehrer und Erzieher und setzt sich seit 29 Jahren für Kinder und Jugendliche mit Lernproblemen ein. Erfahren Sie, wie Sie Ihrem Kind helfen können und erhalten Sie jede Menge kostenlose Tipps zur Lese-Rechtschreibschwäche, Rechenschwäche und Konzentrationsproblemen.
Elke Hönig
e.hoenig [ at ] crealern [ dot ] de
