Der Weg zum Europäischen Hartporzellan
August der Starke war der bedeutendste Sammler ostasiatischen Porzellans in der Zeit des Barock, was in der Porzellansammlung in Dresden noch heute deutlich wird.
Auf einer Stadtführung in Dresden wird man selbst im Zwinger nach China versetzt, dessen ursprüngliche weiß-blaue Bemalung dem Chinabild der Zeit entsprechend, einen Ort irdischen Glücks vorstellen und zugleich kostbar wie Porzellan scheinen sollte. 1694/95 ließ Friedrich III. von Brandenburg in Schloß Oranienburg das Spiegelkabinett einrichten und auf Gesimsen und Konsolen unzählige Stücke Porzellan aufstellen. Die deutschen Herrscher scheinen damit weitaus stärker als der französische Hof an der "maladie de porcelaine" erkrankt gewesen zu sein.
Ludwig XIV. hatte zwar eine Porzellansammlung, doch interessierte sich der Sonnenkönig niemals besonders stark für chinesisches Porzellan. Für die Marquise de Montespan ließ er 1670-72 das "Trianon de Porcelaine" im Garten von Versailles errichten. Dieser Bau diente bis zu seinem Abriss 1687 als Porzellankabinett und hatte Vorbildcharakter für die Entstehung weiterer solcher Ausstellungen chinesischen Porzellans in Europa.
Porzellan wurde im fünfzehnten Jahrhundert erstmals nach Europa exportiert. Obwohl die Chinesen wohl schon seit dem sechsten Jahrhundert Porzellan herstellen konnten und die Koreaner im 14. Jahrhundert ebenfalls mit der Herstellung von Porzellan begannen, dauerte es also lange Zeit, bis Porzellan nach Europa kam. Der venezianische Doge Pasquale Malipiero erhielt 1461 ein Stück Porzellan als Geschenk. Von Lorenzo de Medici ist überliefert, dass dieser 1487 Porzellan besaß.
Gerade die Medici hatten sich intensiv um die Herstellung von Porzellan bemüht. Vor allem Francesco Maria de Medici (1541-87) war mehr an Alchemie als am Herrschen interessiert. Mit der Hilfe des Künstlers Buontalenti konnte Francesco bereits 1550 ein weißes und durchsichtiges Steingut herstellen, das man für Porzellan hielt. Es wurde zwischen 1575 und 1587 in den Werkstätten der Uffizien hergestellt und war für den privaten Gebrauch des Großherzogs oder als Geschenk für andere Herrscher bestimmt. Medici Porzellan ist Frittenporzellan, dem noch Kaolin fehlte. Gebrannt wurde es etwa bei 1100 °C. Dies war damals die höchste mögliche Brenntemperatur italienischer Öfen. Nach der Dekoration des Scherben wurde er noch einmal bei 900 bis 950 °C in den Ofen gegeben. Das Mediciporzellan, das heute in etwa 60 bis 70 Exemplaren erhalten ist, ist ein Spiegel des Bedürfnisses Wissenschaft und Kunst zu einer Einheit zusammenzuführen und damit eine typische Artikulation der Renaissance.
Im Barock kamen wirtschaftliche Aspekte für die Porzellanherstellung hinzu. In Sachsen ließ August der Starke zahlreiche Wissenschaftler fördern, die im Sinne des Merkantilismus die Binnenproduktion von ansonsten teuer aus dem Ausland zu importierenden Luxuswaren ankurbeln sollten. Entscheidend war dabei Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, der in Frankreich bereits die Produktion von Frittenporzellan kennenlernte und in der Lage war riesige Brennspiegel zu bauen. Mit diesen konnte man Temperaturen erreichen, die für die Herstellung von Porzellan nötig waren. So war der Boden geschaffen für Johann Friedrich Böttger, der als Gefangener Augusts des Starken 1701 nach Dresden kam und mit Hilfe des Steins der Weisen Gold herstellen sollte. Die Lage entwickelte sich allerdings für Böttger immer hoffnungsloser, da er kein Gold herstellen konnte.
Zahlreiche Alchemisten sind mit dem Tode bestraft worden, als sich ihre Behauptungen Gold herstellen zu können als Hochstapelei herausgestellt hatten. Böttger hatte Glück im Unglück. Ab 1705 wurde seine Aufmerksamkeit auf das Herstellen von Porzellan gelenkt. In Tschirnhaus fand er einen idealen Mentor und in dessen Geräten die geeigneten Gerätschaften zum Experimentieren. Nachdem er 1705 in die Albrechtsburg in Meißen gesperrt wurde um sich mit der Herstellung von Porzellan zu beschäftigen, erhielt er zwei Jahre später in der Jungfernbastei in Dresden großzügige Laborräume. Im Januar 1708 konnte Böttger bereits kleine durchsichtige Plättchen in weißer Farbe produzieren, die Materialqualitäten wie Porzellan aufwiesen. Kaolin hatte man in der Erden-Zeche des Freiherrn Schnorr von Carolsfeld in Aue gefunden und eine Zeit lang wohl als Perückenpuder verkauft.
Nachdem der Durchbruch 1708 gelungen war, konnte Böttger 1709 das erste Stück weißen Porzellans mit einer feinen Glasierung präsentieren. Sein Mentor Tschirnhaus war bereits ein Jahr zuvor verstorben, weshalb man stets Böttger mit der Erfindung des europäischen Hartporzellans in Verbindung bringt. Letztlich war die Neuerfindung des Porzellans nur durch eine gute Mischung aus Alchemie und Naturwissenschaft möglich.
Michael Brey
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