ADHS – was nun?
Einleitung: Ziel dieses Referates ist es, Vorurteile auszuräumen, dem Unverständnis der Mitmenschen klar begegnen zu können und vor allem die Verunsicherung vieler möglicherweise betroffenen Eltern zu beseitigen.
1. Definition: Was ist ADHS?
ADHS heißt ausgesprochen Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Schon diese Bezeichnung ist nicht korrekt, da die Betroffenen sehr wohl aufmerksam sein können, nur eben nicht im angemessenen Maße.
Die Hauptmerkmale sind:
- Unaufmerksamkeit
- Impulsivität
- Hyperaktivität
In den letzten Jahren ist es wissenschaftlich belegt worden, dass ADHS eine Dysregulation der autonomen Selbststeuerung ist. Was heißt das konkret? Um in unserem Gehirn Impulse von einer Nervenendigung an die nächste weiterleiten zu können, werden Botenstoffe, die sogenannten Neurotransmitter benötigt. Diese Botenstoffe (Dopamin, Noradrenalin und Serotonin) sind bei ADHS-Betroffenen nicht im Gleichgewicht. Dopamin wird zu schnell abtransportiert, so dass dieses bei der Übertragung der Nervenimpulse in zu geringem Maße zur Verfügung steht. Daraus folgt eine Reizüberflutung. Alle Eindrücke ob akustisch, optisch, sensorisch, kurz über alle Sinne, können ungefiltert ins Gehirn eindringen. Es kann so Wichtiges nicht von Unwichtigem unterschieden werden.
Die Wahrnehmungsverarbeitung kann nicht optimal geschehen, ebensowenig deren Abspeichern in unserem Gehirn. Es ist wohl klar, dass dadurch die Konzentration und Aufmerksamkeit erheblich beeinträchtigt sind. Aber das ist noch längst nicht alles. Auch die Verknüpfung mit schon abgespeicherten „Daten“ ist nicht optimal gewährleistet. So leuchtet es ein, dass ADHS-Betroffene im Vergleich zu „Normgesteuerten“ das 8-18-fache an Zeit dafür benötigen., um z.B eine Regel zu automatisieren. Auch die Impulskontrollsteuerung kann bei vielen Betroffenen nicht so gut funktionieren. Wahrnehmung von Temperatur, Schmerz, Gerüchen, Geräuschen, Emotionen, Berührung und optischen Eindrücken geschieht nicht gleichmäßig, sondern entweder fast gar nicht oder extrem stark. Um eine gewisse Wachheit zu erreichen, müssen sich viele Betroffene automatisch selbst stimulieren. Sie sind unablässig in Bewegung, was man auch als Hyperaktivität bezeichnet. Aus der Unterschiedlichkeit der Steuerungs- und Wahrnehmunngsprobleme ergeben sich verschiedene Typen eines ADHS.
Die wichtigsten drei Haupttypen:
- der vorwiegend unaufmerksame Typ ohne Hyperaktivität (das sogenannte Träumerchen)
- der vorwiegend impulsive Typ (redet ständig dazwischen, kann nicht abwarten, reagiert aggressiv u.s.w.)
- der vorwiegend hyperaktive Typ daneben gibt es auch viele sogenannte Subtypen und Mischtypen
2. Ursachen
Hauptursache dieser andersartigen Wahrnehmungs- und Steuerungsfunktion ist die Vererbung. Es gibt kaum ein diagnostiziertes ADHS, wo nicht ein weiteres Familienmitglied ebenfalls betroffen ist und sich in der Ahnenreihe viele typischen Verhaltensweisen zeigen.
Eine weitere Ursache können Probleme während der Schwangerschaft und bei der Geburt sein.
Auch Unfälle mit Gehirnbeteiligung können ein solches Syndrom nach sich ziehen. Bei der genetischen Ursache nimmt man an, dass sich das sogenannte „Jäger- und Sammlergen“ bei unseren Urvorfahren nicht an die Sesshaftigkeit und zunehmende Zivilisation angepasst hat. Für mich ist das irgendwie einleuchtend. Denn je schnelllebiger und technisierter unsere Welt wird, desto mehr Probleme und Auffälligkeiten ergeben sich im Verhalten von ADHS -Betroffenen. Die Anpassungsanforderungen werden immer größer, womit viele Betroffene einfach total überfordert sind.
3. Wie viele sind betroffen?
In Europa schätzt man, dass ungefähr 5% der Bevölkerung betroffen sind, unabhängig von der sozialen Schicht und Intelligenz. In Amerika sind es über 10%. Woher kommt dieser große Unterschied? Ganz einfach! In den Staaten sind die Menschen offener und zögern nicht lange, sich diagnostizieren zu lassen, wenn Verdacht auf ADHS besteht. Es herrscht mehr Akzeptanz in der Bevölkerung. Trotzdem ist die Dunkelziffer insgesamt noch sehr hoch.
4. Symptome
Die vielfältigen Erscheinungsbilder ergeben sich aus den neurobiologischen Besonderheiten.
- Impulsives Verhalten: Überschießende Reaktion auf Provokation, was leicht als Aggressivität ausgelegt wird. Dazwischen reden und nicht abwarten können, sehr schnelle Reaktionsfähigkeit, die Impulsteuerungskontrolle funktioniert nicht angemessen
- Unaufmerksamkeit: Zerstreutheit, Tagträumereien, Vergesslichkeit, Fähigkeit zu hyperfokusieren, d.h. in eine interessante Tätigkeit total versinken und alles andere um sich herum vergessen und nicht wahrnehmen, extreme Langsamkeit im Denken und Handeln (Hypoaktivität)
- Hyperaktivität: Zappeligkeit, Clownereien, ständiger Bewegungsdrang, bei Erwachsenen kann sich dies in einer inneren Unruhe bemerkbar machen. Aber auch das Schaukeln mit dem Stuhl, Haare kringeln, in der Nase bohren u.s.w. sind Zeichen von Bewegungsunruhe
- Wahrnehmungsstörungen: Temperatur wird oft nicht optimal wahrgenommen, was auch zu Thermoregulationsstörungen führen kann. (T-shirt im Winter und Wollpullover im Sommer) häufiges nächtliches Schwitzen vor allem im Kopfbereich),die Hörwahrnehmung, (Betroffene sind selbst übermäßig laut, aber sehr geräuschempfindlich), die optische Wahrnehmung, (Weitwinkelfehlsichtigkeit) Riechwahrnehmung (bestimmte Gerüche lösen Übelkeit und Kopfschmerzen aus) Körperwahrnehmung, Schmerz- und Berührungsempfinden, (es wird kaum bemerkt, wenn man sich anstößt und wundert sich über die vielen blauen Flecke, hat aber z.B.. vor Spritzen eine panische Angst) – können gestört sein. Aber auch das emotionale Empfinden wird anders und wesentlich intensiver erlebt. Die Reaktion darauf verläuft entsprechend unangemessen. So treffen wertende Kritik moralisierende Zurechtweisungen bis ins Mark. Das ist ein unglaublich schlimmes, verletzendes Gefühl, und es ist sehr schwierig, mit diesem umzugehen
Aus diesen vielfältigen Symptomen ergeben sich zwangsläufig Probleme im alltäglichen Leben, sei es im familiären, sozialen und schulischen später auch im beruflichen Bereich. Ein entsprechendes Umfeld, wo sich ein ADHS-Betroffener akzeptiert und integriert fühlt, ist ausschlaggebend für eine positive Entwicklung trotz der vielen Stolperfallen und Besonderheiten. Leider ist es heute oft so, dass die Betroffenen an den Rand gedrängt und deshalb zu Außenseitern werden. Sie werden ständig zurechtgewiesen, kritisiert, gehänselt bis hin zum Mobbing. Dies zieht verständlicherweise eine Selbstwertproblematik nach sich, aus der oft begleitende psychische Störungen (Komorbiditäten) entstehen können.
5. Komorbiditäten
- oppositionelles Verhalten
- provokative Verhaltensweisen
- aggressives Verhalten
- sozialer Rückzug
- Vermeidungsverhalten
- Angststörungen
- Depressionen oft begleitet mit Suizidabsichten
- Essstörungen
- selbstverletzendes Verhalten (Borderline)
- Gewaltbereitschaft
- Alkohol- Nikotin und Drogenabhängigkeit
- Substanzmissbrauch
- dissoziales Verhalten (lügen, betrügen, stehlen)
Ein ADHS ist oft begleitet von:
- Teilleistungsstörungen (Lese- Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie) da die Reifung dieser Gehirnareale bei vielen Betroffenen verzögert ist.
- Der psychische Reifungsprozess ist ebenfalls verzögert, deshalb verhalten sich viele ADHS- Betroffene wesentlich kindlicher als ihre Altersgenossen.
- Auftreten von Tick – Störungen
- Stimmungslabilität
Ganz sicher ist es für viele Menschen schwer zu begreifen, warum sich ADHS-betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene so und nicht anders verhalten. Doch anhand des Wissens, dass eben viele Prozesse im Gehirn anders ablaufen und gesteuert werden, kann ein gewisses Verständnis für viele Verhaltensweisen aufgebaut werden. Natürlich darf vieles nicht einfach akzeptiert werden, aber ADHS-ler sind auf eine andere Weise wie wir es gewohnt sind ansprechbar und „lenkbar“. Darauf gehe ich im Kapitel „Erziehung und Elterntraining“ ausführlich ein.
6. Positive Eigenschaften
- ausgeprägter Gerechtigkeitssinn nicht nur gegenüber sich selbst, sondern auch anderen gegenüber
- große Tierliebe
- Kreativität
- Spontanität
- Sinn für Humor
- manchmal unglaubliche Ideen und ausgefallene Interessen
- hohe Sensibilität (spüren im ersten Moment, mit welchen Menschen sie zurechtkommen und mit welchen nicht, spüren aber auch sofort, wenn es einem anderen Menschen nicht gut geht und sind sehr einfühlsam)
- erhöhte Wachsamkeit bei Gefahr
- schnelle Reaktionsfähigkeit
Leider können diese so tollen Eigenschaften oft nicht angemessen eingebracht werden, da ADHS- Betroffenen vieles im Wege steht, was sie daran hindert. Vor allem die intelligenten unter ihnen leiden deswegen enorm. Eine intelligenzentsprechende Schullaufbahn wird vielen nicht ermöglicht. Sie bleiben unter ihren Möglichkeiten, was unglaublich frustrierend für die Betreffenden ist.
7. Was ist ADHS nicht? – Vorurteile, Unwissenheit, Verdrängung
Die Ursachen der Verhaltensweisen von ADHS – Betroffenen, ob positiv oder negativ werden sehr unterschiedlich interpretiert und in den Medien auf entsprechende Weise dargestellt. Selbst namhafte Psychologen, Psychotherapeuten und Pädagogen vertreten andere, jedoch nicht wissenschaftlich belegte Theorien. Die Verunsicherung in der breiten Öffentlichkeit ist deshalb sehr groß. Vielen Betroffenen kann schon aus diesen Gründen nicht rechtzeitig und angemessen geholfen werden.
Hier einige nicht belegte Theorien:
- Die Eltern sind schuld – falsche Erziehung
- Falsche Ernährung
- Allergie auf bestimmte Nahrungsmittel oder Zusatzstoffe
- Reizüberflutung (zu vieles Fernsehen, Computerspiele)
Was zu diesen Theorien zu sagen ist: Natürlich hat eine entsprechende Erziehung und das soziale Umfeld einen hohen Einfluss auf die Entwicklung eines ADHS betroffenen Kindes. Doch es gibt so viele unterschiedliche Erziehungskonzepte, was Eltern ebenso verunsichert. Siehe Kapitel Erziehung und Elterntraining. Bestimmte Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln können zappelig und hyperaktiv machen, aber sie sind nicht die Ursache von ADHS. Eine bestimmte Diät vermindert höchstens für eine gewisse Zeit die innere Unruhe, beseitigt aber nicht die anderen Symptome. ADHS - Betroffene sind äußerst sensibel gegenüber Reizüberflutung, sei es Fernsehen, Computer, aber auch große Menschenansammlungen, große Veranstaltungen.
Eltern wissen selbst am besten wie ihre Kinder auf diese Reizüberflutungen reagieren und handeln entsprechend oder auch nicht. Aber die Ursache von ADHS – typischen Verhalten sind auch diese nicht. Bevor irgendwelche Meinungen und Theorien in die Welt gesetzt werden, sollten sich diese Menschen ein umfangreiches Wissen über die ADHS – Problematik aneignen. Es wird leider viel Unheil mit unwissendem „Geschwätz“ angerichtet.
8. Diagnostik
Der Weg vom Verdacht bis zur Diagnostik kann sehr lange und zermürbend sein. Viele Kinder werden schon im Babyalter auffällig, (sog. Schreibabys) andere im Kleinkinder – und Kindergartenalter. Viele Verhaltensmuster werden in diesem Alter noch nicht richtig eingeordnet. Oft reicht schon ein Hinweis von Seiten einer Erzieherin, um die Aufmerksamkeit auf ein Problemverhalten des Kindes zu schärfen. Die meisten werden erst mit Eintritt ins Schulleben auffällig, wenn Disziplin, Stillsitzen, und erhöhte Aufmerksamkeit verlangt wird.
Sehr intelligente Kinder können ihre Defizite lange kompensieren und brechen irgendwann, wenn die Anforderungen zu hoch werden, extrem mit ihren schulischen Leistungen ein. Leistungseinbrüche werden sehr oft in der dritten Klasse, in der 5., 7. oder auch erst in der Oberstufe des Gymnasiums beobachtet. Bei vielen ist die soziale Integration nicht optimal, doch das wird oft leider erst im Rahmen der Leistungseinbrüche registriert. In der heutigen Ellbogengesellschaft muss sich ja jeder durchkämpfen! Erst wenn der Leidensdruck für Eltern und / oder Kind zu groß wird, überwindet man sich, deswegen einen Arzt aufzusuchen. Man kann von Glück sagen, wenn dieser sich auf dem Gebiet ADHS auskennt und eine entsprechende Diagnostik veranlasst.
Viele Familien erleben Odysseen über viele Jahre hinweg: Wechsel von einem Psychologen zum nächsten, weil die Psychotherapie nichts bringt, sie versuchen es mit Homöopathie, Heilpädagogik, nichts scheint zu helfen, bis der Verdacht auf ADHS ausgesprochen wird. Die Wartezeiten in SPZ (sozial-pädiatrischen Zentren), für die Diagnostik sind heutzutage sehr lange: ½ -1 Jahr! Wenn man Beziehungen und genügend Geld hat, kann die Diagnostik auch von niedergelassenen Psychologen oder Psychotherapeuten vorgenommen werden, welche privat abrechnen. Auch hier sind sozial Schwächere sehr im Nachteil. Doch die Zeit bis zur Diagnostik kann sinnvoll genutzt werden, indem sich die Eltern vorab über die ADHS Problematik informieren und Problemverhalten aber auch die besonderen Fähigkeiten ihres Kindes im täglichen Leben aufschreiben. Dies ist sehr dienlich zur Diagnosestellung. Die Diagnostik umfasst Ausschlussdiagnostik, Familienanamnese, Intelligenztests für die entsprechende Altersstufe, Rechen – und Rechtschreibtests, allgemeines Wissen, Test der Kurzzeit und Langzeitspeicherfähigkeit, Fragebögen der Eltern und Lehrkräfte bzw. Erzieher/innen...
Steht endlich die Diagnose, kann erst mal erleichtert aufgeatmet werden. Das Problemverhalten hat einen Namen! Schuldgefühle können abgebaut und so viel Druck innerhalb der Familie herausgenommen werden. Doch wie soll es jetzt weitergehen? Nach der Diagnostik muss ein Termin mit dem behandelnden Arzt, der die Therapie übernimmt oder an entsprechende Stellen weiter überweist, vereinbart werden. Dort wird über die Art und Weise einer multimodalen Therapie, welche sich als sehr erfolgreich erwiesen hat, nachgedacht und entsprechende Schritte in die Wege geleitet.
9. Die multimodale Therapie
Die multimodale Therapie umfasst die medikamentöse Therapie, Verhaltenstherapie, Familientherapie, Ergotherapie, Heilpädagogik, Lese–Rechtschreib–Training und / oder Rechentraining bei Teilleistungsstörungen, Psychotherapie, Elterntraining. Je nach Art und Schwere des Problemverhaltens wird ein Konzept erarbeitet, was speziell für dieses Kind in Frage kommt. Natürlich können nie alle diese Therapien auf einmal begonnen werden. Zwei bis drei davon reichen erst mal vollkommen aus. Im Verlauf kann man dann erkennen, welche Therapie abgesetzt werden kann und ob eine weitere in Angriff genommen werden muss, oder nicht.
a) Die medikamentöse Therapie: Auch in diesem Bereich herrscht viel Verunsicherung, Unwissen und Ablehnung wegen der Vorurteile. Diese sind: Die Medikamente würden süchtig machen, die Kinder werden zu Zombies, die Kinder werden ruhiggestellt...
Mit diesen Vorurteilen muss endlich aufgeräumt werden! Es besteht keinerlei Suchtgefahr. Im Gegenteil: Nicht therapierte Jugendliche greifen viel eher zu Suchtmitteln als medikamentös therapierte. Ein zombiehaftes Auftreten kommt nur bei einer Überdosierung vor. Diesem kann mit einer Medikamentenreduzierung sofort entgegengewirkt werden. Kinder werden auch nicht ruhiggestellt, sondern es wird ihnen durch die Medikamente erst ermöglicht, ihre Gedanken und Eindrücke zu sortieren, und so sich selbst und ihre Umwelt besser wahrzunehmen. Es sind verschiedene Medikamente auf dem Markt:
- Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin, Medikinet, Equasim, Concerta)
- Medikamente mit dem Wirkstoff Amphetamin
- Und seit kurzer Zeit auch Atomoxetin, welches nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, bei dem aber noch keine positiven Langzeiterfahrungen gemacht wurden wie bei den Methylphenidaten.
Die Methylphenidate und Amphetamine greifen in den Neurotransmitterstoffwechsel so ein, dass eine Normalisierung der Nervenimpulsübertragung gewährleistet werden kann. Daraus erfolgt eine bessere Wahrnehmungsfähigkeit, die autonome Selbststeuerung kommt ins Gleichgewicht, die Verknüpfungen von einem Hirnareal zum anderen und zu neuen Eindrücken können so gewährleistet werden. Das beschleunigt auch den Reifungsprozess der noch unreifen Hirnbereiche. Oft ist eine Verhaltenstherapie nur unter Medikamenten erfolgsversprechend, weil das Erlernen und Automatisieren von Verhaltens- und Selbststeuerungsstrategien erst dann richtig funktioniert. Das ist auch das Ergebnis langjähriger Studien.
Es wird mit einschleichender Dosierung mit einem kurzwirksamen Präparat begonnen, in einem Zeitraum von vier bis sechs Wochen, bis die optimale Wirkung erreicht ist. Danach kann auf ein Retardpräparat umgestiegen werden. Es hat sich erwiesen, dass Medikamentenpausen übers Wochenende oder über die Ferien wenig sinnvoll sind. Viele kommen nach zwei bis vier Jahren ohne Medikamente aus, da sie viele Verhaltensweisen automatisiert haben, die Hirnbereiche nachgereift sind, und sie Strategien in ihren Alltag ganz selbstverständlich übernommen haben, die ihnen helfen, im Leben zurechtzukommen.
Natürlich haben diese Medikamente auch Nebenwirkungen, die aber im Vergleich zu den positiven Effekten nicht sehr ins Gewicht fallen. Diese können sein:
- Appetitmangel während der Wirkungszeit
- Einschlafstörungen
- Verstärkung von Ticks, was aber meist im Therapieverlauf wieder nachlässt
b) Verhaltenstherapie: Hier werden Selbststeuerung – und Verhaltensstrategien erarbeitet. Ganz wichtig ist dabei, dass ein gutes Verhältnis zum Therapeuten aufgebaut wird. Ist dies nicht der Fall, verläuft die Therapie im Sand!
c) Familientherapie: Diese ist notwendig, wenn das familiäre Milieu aus den Fugen geraten ist. Das ist bei einer ADHS–Problematik leider sehr oft der Fall. Gegenseitige Schuldzuweisungen, Streitereien und die starke nervliche Belastung können Familien auseinanderbrechen lassen. Für das Kind ist aber ein Halt in einer gefestigten Familie unabdingbar.
d) Ergotherapie ist empfehlenswert, bei Körperwahrnehmungsstörungen (Gangunsicherheit, verkrampfte Stifthaltung...)
e) Psychotherapie: wird notwendig bei begleitenden psychischen Störungen
f) Elterntraining: Im Elterntraining werden den Eltern die neurobiologischen Zusammenhänge so deutlich erklärt, dass im Vorfeld ein Verständnis für das Verhalten des Kindes und seiner Probleme erwachsen kann. Nur mit diesem Wissen ist es nämlich möglich, zu akzeptieren, dass das Kind sich in gewissen Situationen nur so und nicht anders verhalten kann.
Weiterhin wird ein andersartiger liebevoller Umgang mit dem Kind trainiert. Das heißt konkret: keine wertenden Kritiken, kein Moralisieren, Anerkennung der kleinsten Bemühung von Seiten des Kindes, denn positives Verhalten läuft bei ADHS – Betroffenen nicht über den Willen, sondern über die Motivation, Fehlverhalten sofort thematisieren, jedoch niemals wertend, klare zeitliche Absprachen, was wann erledigt werden muss, rechtzeitige Vorbereitung auf mögliche Veränderungen und Unternehmungen, sich anbahnende Problemsituationen im Vorfeld entschärfen.
Das Kind muss immer spüren: „Ich bin so angenommen und werde so geliebt, wie ich bin.“ Das Kind braucht Halt: ein strukturierter Alltag, einen geregelten Tagesablauf, Konstanz in der Erziehung, verlässliche und sofortige Konsequenzen bei Fehlverhalten. Ohne diesen Halt wird das Kind orientierungslos. Wir selbst wissen, wie uns zu Mute ist, wenn wir uns in einer unbekannten Stadt total verfahren haben. Es macht Angst. Wir klammern uns an jeden sichtbaren Passanten. Ähnlich geht es den verunsicherten Kindern. Ohne es zu wollen sind sie dann die Störenfriede.
Den Eltern wird auch klar gemacht, dass der andersartige Umgang mit dem Kind nicht von heute auf morgen klappen kann. Fehlschläge dürfen nicht zur Resignation führen. Die Ehepartner müssen an einem Strang ziehen und sich gegenseitig ermutigen, weiterzumachen, das Erlernte anzuwenden und zu trainieren. So kann die Erziehung von betroffenen Kindern immer besser gelingen. Es ist ein Lernprozess, der von den positiven Erfahrungen lebt.
Eltern bringen Beispiele von Problemsituationen mit ins Elterntraining die gemeinsam besprochen und gelöst werden. Oft kann die effektive Umsetzung des Gelernten eine Verhaltenstherapie ersparen.
10. Erziehung
Eltern sind während der bisherigen Zeit in der Erziehung unglaublich verunsichert worden. Sie hielten sich immer wieder an andere Erziehungskonzepte, mal streng, mal wieder weniger streng und waren frustriert, wenn nichts gefruchtet hat. Eine Erziehung wie auf einer Achterbahn kann ein ADHS – betroffenes Kind völlig aus der Bahn werfen. Deshalb gilt es, alle bisherigen Konzepte zu vergessen und speziell auf das Kind in seiner Persönlichkeit einzugehen und die erlernten Regeln aus dem Elterntraining situationsgerecht umzusetzen. Es ist leider schwierig zu entscheiden, welche Personen eingeweiht werden sollen. Wegen der Inakzeptanz in unserer Gesellschaft ist Vorsicht geboten. Die Gefahr des Abgestempeltwerdens ist groß! Und das wäre Gift für unsere sensiblen Kinder. All jene, die mit der Erziehung des Kindes unmittelbar zu tun haben und die dann sicher auch vertrauenswürdig sind, sollten informiert und über alles aufgeklärt werden. Klassenlehrer/innen, welche offen sind für diese Problematik, sollten ebenfalls eingeweiht und regelmäßiger Kontakt mit ihm/ihr gehalten werden.
Vor allem die Träumerchen brauchen noch sehr lange die Unterstützung der Eltern in alltäglichen Dingen wie Ordnung, körperliche Hygiene, Zeitmanagement…. Es macht keinen Sinn und es ist auch unfair, wenn man die Kinder auflaufen lässt, damit sie endlich aus der negativen Erfahrung lernen sollen. Das Kind wäre frustriert und fühlt sich möglicherweise bloßgestellt vor anderen. Das ist ein schreckliches Gefühl für ein solch sensibles Kind. Es würde in Zukunft versuchen alles was mit dieser negativen Erfahrung zusammenhängt zu vermeiden und zu verweigern. ADHS Betroffene lernen nicht aus Erfahrung, sondern durch ständiges Üben immer derselben Tätigkeiten auf stets die selbe Weise und durch Motivation mit Anerkennung seiner Bemühungen. Es dauert eben sehr lange. Das erfordert viel Geduld und Ruhe von Seiten der Eltern. Aber es lohnt sich, denn wenn ein Regel oder ein bestimmter Ablauf einmal funktioniert, sitzt dies bombenfest aber nur auf dieselbe Weise, wie das Kind es gelernt hat.
Ich hoffe, dass diese Informationen viele Unklarheiten zum Thema ADHS beseitigt haben. Es gibt natürlich noch wesentlich umfangreichere Information. Deshalb hier einige Literaturvorschläge:
- Das hyperaktive Kind und seine Probleme
von Cordula Neuhaus
- Hyperaktive Jugendliche und ihre Probleme
von Cordula Neuhaus
- Das A. D. S.- Buch
von Petra-Marina-Hammer und Elisabeth Aust-Claus
- A.D.S. das Erwachsenenbuch
von Dieter Claus, Elisabeth Aust-Claus und Petra-Marina-Hammer
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S. Mauch
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