Die Gefahr unerkannter Depressionen
Das die Erkrankung der Depression einer der am meist verbreiteten psychologischen Erkrankungen ist, gehört nunmehr zur Allgemeinbildung und wird von jedem akzeptiert. Das wiederum birgt jedoch gewisse Gefahren. Zum einen neigt man dazu, im Falle einer Diagnose, die auf Depression lautet, diese zu verharmlosen, da sie ja heutzutage „fast jeder“ hat. Zum anderen birgt der „gewohnte“ Umgang mit dem Begriff der Depression die Gefahr der Identifikation. Das heißt, nicht wenige Menschen die z.B. gedrückter Stimmung sind reden sich, zum Teil recht erfolgreich ein, eine Depression zu haben. Darüber hinaus unterliegen auch wir Therapeuten der Gefahr, gewissen Modeströmungen im Umgang mit Diagnosen unterworfen zu sein. Das bedeutet in der Realität, dass man durch temporär begrenzte Prominenz bestimmter Krankheitsbilder z.B. in Medien der Möglichkeit einer Art Fixation unterliegt.
Es gibt jedoch auch den umgekehrten Fall, nämlich den, das eine vorhandene Depression nicht als solche erkannt und diagnostiziert wird. Diese Gefahr ist bei der sogenannten lavierten Depression besonders groß. Diese zeichnet sich eben nicht vordergründig durch eine gedrückte Stimmung und Antriebslosigkeit aus. Das tückische der lavierten Depression ist, dass sie mit vorwiegend somatischen Symptomen daherkommt.
Das bedeutet, der Patient klagt zum Beispiel über einen Druck auf der Brust, Kopf- oder Herzbeschwerden. Aus diesem Grund führt ihn der erste Weg auch nicht zu einem Psychologen, sondern zu dem Hausarzt seines Vertrauens. Dieser überweist ihn in aller Regel an die entsprechenden Fachärzte wie zum Beispiel einen Internisten, Kardiologen, Lungenfacharzt etc. Damit beginnt nicht selten die Irrfahrt des immer mehr verunsicherten Patienten von Pontius nach Pilatus.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf den Makel des „geteilten“ medizinischen Systems unserer westlichen Bevölkerung hinweisen, welches sich nach wie vor durch eine strickte Trennung zwischen Körper und Seele auszeichnet. Die lavierte Depression ist geradezu ein Musterbeispiel für die Tatsache, dass sich unser Körper an dieses System nicht hält. Darüber hinaus möchte ich eine Lanze für uns Therapeuten brechen.
Ein guter Therapeut wird immer, bevor er sich auf eine Diagnose im Bereich der psychischen Erkrankungen festlegt, alle potentiell vorhandenen körperlichen Erkrankungen durch eine Differenzialdiagnose abklären und damit ausschließen. Ich habe jedoch viel zu selten in meiner Laufbahn als Therapeut erlebt, dass Ärzte an Psychologen verweisen. In der Regel tun sie das nur bei gänzlich offensichtlichen Fällen.
Dr. Dirk De Souza
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