Schönheits-Operationen unter dem Messer


Eine Persiflage über das Geschäft mit der Minderwertigkeit

Der Schönheitswahn hat nun auch Deutschland erreicht. Fernsehsendungen und Shows über das Thema Schönheit laufen im Fernsehen rauf und runter. Von Live-Operationen bis zum „schönen Schwan“ ist alles vertreten. Unter dem Weihnachtsbaum liegen Gutscheine für eine Fettabsaugung oder eine Nasenkorrektur, und einige Prominente, Stars und Sternchen reden offen über ihre Schönheits-Operationen. Andere wiederum negieren diese völlig, obwohl sich jede ärztliche Unterstützung erahnen lässt. Bereits über 500.000 Deutsche legen sich jährlich für die Schönheit unters Messer.

Doch was steckt eigentlich hinter dem Verlangen eines Menschen eine Schönheitsoperation bei sich durchführen zu lassen? Schon Alfred Adler ging in seinen ersten Publikationen von einer Art Minderwertigkeitsgefühl aus, dass jeder Mensch in sich trägt. Er spezifizierte diese Minderwertigkeit und bezog sie sogar auf körperliche Organe, die entweder Minder entwickelt oder in ihrer Funktion eingeschränkt sind.

Dieses Minderwertigkeitsgefühl tragen wir schon ab der frühsten Kindheit in uns und es begleitet uns ein Leben lang. Es entsteht durch die von uns subjektiv wahrgenommene Winzigkeit, die wir gegenüber unseren Eltern oder anderen Erwachsenen empfinden (Vergleiche Top-Down Prozesse in der kognitiven Psychologie). Durch „Overprotection“ oder „Vernachlässigung“ der Bezugspersonen kann dieses Gefühl sogar noch verstärkt werden und durch Übertragungsphänomene im späteren Leben zum Beispiel in der Partnerwahl oder Freundschaftswahl systemisch aufrechterhalten werden.

Ebenfalls scheint dieses Gefühl des „Verkürzt-Seins“, wie es Adler nennt, eine Art Lebensantrieb zu sein. Ein Motiv oder ein Trieb, der uns ständig Handlungen ausführen lässt, die unsere Geltung und Anerkennung in der Gesellschaft fördern. „Wir wollen eben auch im Boot sitzen!“ Dies kann sogar bis zur Überkompensation führen sowie neurotische Züge annehmen. Dann erreichen wir nicht mehr das, was wir möchten, sondern das, was für uns in hohem Maße unvorteilhaft ist. Folglich erblicken wir und die Welt zum Beispiel Lippen, so dick wie Fahrradschläuche oder weibliche Brüste, die aufgeblasen sind, wie Ballons; so dass es schon wieder peinlich wirkt.

Begleitet wird das Minderwertigkeitsgefühl durch Unsicherheit und einen niedrigen Selbstwert jedes Einzelnen im Leben. Die Kombination aus Minderwertigkeit, Unsicherheit und niedrigem Selbstwertgefühl führt wiederum zu dem Bedürfnis nach sozialen Vergleichen und streben nach Sicherheit. Wir vergleichen uns ständig, ob bewusst oder unbewusst mit anderen Menschen. Loten ihre Stärken und Schwächen aus und ziehen dadurch Rückschlüsse auf unser eigenes Selbstschema bzw. Selbstwertgefühl (Vergleiche Theorie der sozialen Vergleiche).

So folgt eine unaufhörlicher Circulus Vitiosus von suchenden Faktoren in der Umwelt, die das minderwertige Selbstschema über die eigene Schönheit unterstützen (Vergleiche Theorie der sich selbst erfüllenden Prophezeiung) und die Motivation eine Schönheits-Op an sich durchführen zu lassen erhöht.

Und das Massenmedium Fernsehen tut sein übriges dazu. Es zeigt uns ständig top gestylte Damen und Herren, die unser Verlangen nach Überwindung der psychischen- und organischen Minderwertigkeit verstärken. Optimalerweise gibt dieses Massenmedium auch gleich die passende Möglichkeit sich der Minderwertigkeit zu entziehen und „Anerkennung durch Schönheit“ in unserer Gesellschaft zu erlangen. Nämlich durch eine Schönheits-Operation!

Michael G. Viertel
chillthebrain [ at ] gmx [ dot ] de

www.neuroaurikulotherapie.de

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