Betrügereien beim Münzwechsel –
Das „Kipper- und Wipperwesen“
Zu Zeiten Kaiser Ferdinand II. war nicht nur die Staatsordnung in morbidem Zustand, sondern auch das Münzwesen. Die Reichsmünzordnung von 1559 hatte den Landesherren zwar das Prägen von Reichsmünzen verboten, Landesmünzen mit geringem Silberanteil durften jedoch nach Belieben geprägt werden. Um ihren kostspieligen Lebenswandel zu finanzieren verpachteten die Münzherren dieses Recht an Spekulanten. Doch das war nicht der einzige Grund dafür, dass das Heilige Römische Reich Deutscher Nation von einer Inflation (1618-1623) erfasst werden sollte. Der großzügige Lebenswandel des Adels hatte eine passive Handelsbilanz zur Folge, da wesentlich mehr Waren aus anderen Ländern importiert als exportiert wurden.
Neben den wirtschaftlichen Aspekten waren auch die konfessionellen Gegensätze zwischen den Katholiken unter der Führung von Herzog Maximilian I. von Bayern und den Protestanten unter Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz bzw. seinem Sohn Friedrich V. Ursachen für Konflikte in der Bevölkerung, die letztendlich in den Dreißigjährigen Krieg mündeten. Um die Söldnerheere für den Krieg aufzurüsten benötigte man viel Geld. Eine Strategie der Münzherren war es, aus dem Münzschlag möglichst viel Gewinn herauszuholen, indem sie beispielsweise Feingehalte und Gewicht verringerten. Die Münzfälschungen mit kaiserlichem Privileg nahmen zu. Daneben kamen die „freien“ Fälscher auf. Sie boten dem Volk beim Wechseln gegen ihre Großmünzen minderwertige Kleinmünzen an – und verlangten obendrein ein Aufgeld. Für einen Reichstaler wurden 80 Kreuzer geboten, der offizielle Kurs jedoch lag bei 72 Kreuzern. Aus dem Metall des Reichstalers wiederum prägte der Käufer 90 Kreuzer-Münzen. Die Menschen brachten nicht nur ihr Erspartes zu den Wechslern, sondern tauschten auch Töpfe, Pfannen und Kessel gegen Geld ein. Man glaubte, auf diese Weise viel Gewinn zu machen. Immer effektiver und damit krimineller gingen die so genannte Kipper und Wipper dabei vor. Der Begriff Kipper kommt vom Beschneiden der Münzen an den Rändern, als Wippen bezeichnete man das betrügerische Auswiegen der Münzen. Die beteiligten gingen als „Kipper und Wipper“ in die europäische Kulturgeschichte ein.
Doch bald schon sollte ein Münzedict den Betrügereien – zumindest von nicht herrschaftlicher Seite – ein Ende setzen. Auf Münzkäufe, Wechsel von Münzen und das Fälschen von Münzen standen schwere Strafen. Zur Abschreckung wurden zunächst sogar einige Überführte bei lebendigem Leibe verbrannt. Über die damals üblichen Publikationsmittel, vor allem das Flugblatt, machten die Schauergeschichten schnell die Runde. Das Kipper- und Wipperwesen war bald in aller Munde. Als Konsequenz bereicherten sich die Kipper und Wipper in einer Art Schattenwirtschaft weiter. Für die Wirtschaft bedeuteten die Machenschaften im Münzwesen massive Preissteigerungen bei allen Gütern und bedrohten letztlich zahlreiche Existenzen. Erst nach der Münzreform von 1623 normalisierten sich die Verhältnisse wieder. Historiker haben berechnet, dass die Münz-Betrügereien während der Kipper- und Wipperzeit den materiellen Wohlstand in Deutschland stärker zerstört haben als der Dreißigjährige Krieg.
Denis Melloni
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